Das Märchen der Nation
Rubrik: Global total
Wie die Idee der Nation unser Bild von Kultur beeinflusst
Von Nikola Endlich (24 Jahre, sie lebt in Berlin)
Unnützes Wissen: die Nudel wurde nicht in Italien erfunden. Trotzdem wird die Nudel seit Langem mit der Kultur Italiens in Verbindung gebracht. So ist es mit vielem vermeintlich Traditionellem, das angeblich seit jeher aus einer gewissen Region stammen soll. Vielleicht brauchen wir also mehr unnützes Wissen in unserem Leben, um Traditionen zu entmystifizieren. Das Märchen einer jahrhundertlangen Überlieferung der Traditionen von den Vätern an die Söhne, an deren Söhne und Söhne muss irgendwann zu Ende gehen. Viele Bräuche und Traditionen sind entgegen mancher Vermutungen ganz woanders entstanden. Oft lassen sich deren Ursprünge auch nicht nur auf einziges Land zurückführen, sodass schlussendlich gar nicht mehr von einem wirklichen Ursprung gesprochen werden kann, sondern nur von einer Aufeinanderfolge unterschiedlicher kultureller Einflüsse. Postkoloniale Theoretiker sprechen daher von einer Geschichte in der, die unterschiedlichsten Ländern aus West und Ost, Nord und Süd seit jeher miteinander in Beziehung standen.
Nichts bleibt wie es ist: Kultur im Wandel
Heute wird ein kultureller Austausch zwischen unterschiedlichen Kulturkreisen oft als vermeintliche Folge der Globalisierung angesehen. Dabei sind es nicht nur die Kinder der Postmoderne, die verschiedenen kulturellen Einflüssen ausgesetzt sind. Schon immer gab es Menschen, die ihr Leben an einem anderen Ort aufbauen wollten und kulturelle Bräuche und Traditionen aus ihrer Heimat mitbrachten. Es gab Handelswege, um Güter, wie beispielsweise Gewürze und Seide, aus Ostasien nach Europa zu transportieren und ganze Volkswanderungen, die vor wirtschaftlichen oder politischen Missständen in ihrem eignen Land flüchten wollten. Die Schnelligkeit, mit der heute Informationen und Güter ausgetauscht werden oder Menschen von einem Ort zum anderen gelangen können, hat sich potenziert. Trotzdem ist bisher keine Kultur durch die Zeit hindurch jemals gleich geblieben. Unterschiedliche Kulturkreise haben sich immer schon ausgetauscht und gegenseitig beeinflusst.
Auf den ersten Blick ist es daher unverständlich, dass oft an einem ganz anderen Bild von Kultur festgehalten wird. Ganz nach der Mentalität ‚weil alles schon immer so war, wie es ist‘. So, als ob es irgendwann einmal eine Kultur gegeben hätte, in der immer die gleichen Werte und Vorstellungen gegolten hätten. Ein zweites Märchen, das irgendwann zu Ende gehen muss. Dieses Bild von Kultur wurde allerdings zunehmend verbreitet, als im 18. Jahrhundert die Nationalstaaten entstanden sind.
Kultur sollte an den Grenzen der Nation Halt machen
Mit dem Aufkommen der Nationalstaaten wurden Grenzen gezogen. Es entstand ein Bild von ‚Wir‘ und den ‚Anderen‘. Wir, das war die Nation, deren Mitglieder sich innerhalb der nationalstaatlichen Grenzen auf eine gemeinsame nationale Kultur berufen konnten. Man sprach die gleiche Sprache, teilte dieselben historischen Erfahrungen und kollektiven Erinnerungen und betrachtete sich als eine ‚Ethnie‘. Das war zumindest das Idealbild, das sich in den Köpfen derer, die nationale Idee verteidigen wollten, zusammengesponnen hatte. Kultur war etwas, was an den Grenzen der Nationen Halt machen sollte. So, als ob man Kultur anfassen und zu ihr sprechen könnte, um zu sagen: Stopp, hier geht es nicht weiter. Die ‚Anderen‘, das waren die da draußen, hinter der Grenze. Die sogenannten ‚Fremden‘, ‚Ausländer‘, denen erst einmal mit Misstrauen begegnet wurde. Sie hatten andere Bräuche und Traditionen, die man nicht kannte und mit denen man nichts zu tun haben wollte.
Eine gemeinsame nationale Kultur wurde erfunden
All das klingt ein wenig so, als ob alle unschuldigen Kinder seien, die einfach das falsche Spiel gespielt haben. Feind und Freund. Verlierer. Gewinner. Dabei hat es diese kulturelle Identität, auf die man sich innerhalb nationalstaatlicher Grenzen beziehen wollte, nie gegeben. Für die Nation spielte eine vermeintliche gemeinsame Kultur aber eine wichtige Rolle. Nur so konnte in einer Gesellschaft so etwas wie ein Wir-Gefühl hergestellt werden. Kultur als Kitt. Was es nicht gibt, das wird erfunden. Verschiedene ‚ethnische‘ Gruppen sollten eine gemeinsame Hymne singen und die Flagge mit den Farben ihrer Nation hissen. Im Kalender stand plötzlich ein Nationalfeiertag. Every year the same procedure. All diese Symbole, Traditionen und Bräuche, von denen davor noch nie jemand etwas gehört hatte; ein großes Spektakel. Benedict Anderson, ein renommierter US-Politikwissenschaftler, nannte es: ‚Imagined communities‘, erfundene Nation.
Kulturelle Unterschiede wurden verschwiegen
Das Märchen konnte in Umlauf gebracht werden. Die Geschichte so geschrieben, als ob es nie unterschiedliche historische Erfahrungen, kulturelle Bräuche oder auch andere Sprachgemeinschaften innerhalb dieser Grenzen gegeben hätte. Man verhielt sich wie Opa am Esstisch. Das, was man nicht sehen wollte, konnte man nicht sehen. Das, was man nicht hören wollte, hörte man nicht. Gruppen, die sich innerhalb der nationalstaatlichen Grenzen mit den erfundenen Traditionen und Werten nicht identifizieren wollte, wurden marginalisiert. Nach außen versuchte man, die nationale Kultur von anderen kulturellen Einflüssen abzuschirmen. So als ob Kultur wie eine Konservendose sei, die man in den Schrank stellen und aufbewahren konnte.
Beständiger Wandel ist das einzig Beständige
Ein solch strikt nationales Denken scheint in der globalen Welt, in der wir leben längst, passé zu sein. Wer heute noch behaupten will, dass beispielsweise in Deutschland eine Gesellschaft lebe, die sich nur auf die gleichen kulturellen und historischen Werte beziehe, wird vollkommenen zu Recht als realitätsfern bezeichnet. Die nationalstaatliche Idee von Kultur hat sich allerdings tief in unser Unterbewusstsein eingegraben. Dabei ist ein beständiger kultureller Austausch wahrscheinlich das Einzige an Kultur, was wirklich schon immer so war, wie es ist.




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