Die Achse des Guten
Rubrik: Extremismus
Seit der braunen Terrorwelle steht zivilgesellschaftliches Engagement hierzulande ganz vorne im demokratischen Ranking. Aber wer weiß an wen er sich im Notfall wenden kann? Zeit als Bürger, sich selbst an den Runden Tisch einzuladen und zumindest einige Teilnehmer genauer unter die Lupe zu nehmen.
Von Christin Sandow (studiert Politikwissenschaft an der FU Berlin, sie ist Redakteurin des polli-magazins)
Die symptomatische Abwehrhaltung ist bekannt. Trotz gegenteiliger Forderungen vieler Rechtsextremer und nationaler Kreise endlich mal einen Schlussstrich unter die „Schuld Deutschlands“ zu ziehen und „nicht immer wieder davon anzufangen und die Auschwitzkeule zu schwingen, weil wir ja nun wirklich schon genug Reparationen bezahlt haben“. Da bleibt als Essenz des 20. Jahrhunderts nur die eine universelle Wahrheit: es gibt Verbrechen, die beschädigen das Zusammenleben der Menschheit als solches, weil sie über das Leid des Individuums hinaus gehen.
Jenseits aller philosophischen und politischen Erwägungen zum Thema fanden sich schon kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Menschen zusammen, in deren Interesse die Aufarbeitung der Verbrechen und Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wo es möglich war – zumeist waren das allerdings unmittelbar betroffene Opfer des NS-Regimes. Über die folgenden Jahrzehnte folgten neben materiellen Entschädigungszahlen und Renten für Holocaust-Überlebende auch empathische Gesten wie der Kniefall von Bundeskanzler Brandt 1970 bis in unsere heutige Zeit hinein, in der der Staat selber in Gestalt des Bundesinnenministeriums Projekte für ein demokratisches Zusammenleben fördert ( „Zusammenhalt durch Teilhabe“).
Doch wie tief in die Gesellschaft geht der Wunsch nach zivilen Engagement hinein und vor allem: mit welchen Mitteln wollen betreffende Organisationen es schaffen ein schattenhaftes Phänomen wie den Antisemitismus in den Köpfen vieler zu eliminieren?
„Die Achse der Guten“ – ein kleiner aber guter Überblick
Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V.
Bereits seit 1958 gibt es diesen gemeinnützigen Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, im Namen der Versöhnung Verständigung zwischen Generationen, Kulturen, Religionen und Völkern zu fördern.
Der ASF bietet unter anderem zwölf- bis fünfzehnmonatige internationale Friedensdienste für Interessenten jeden Alters an. Die Freiwilligen begleiten ältere Menschen (u.a. in jüdischen Institutionen und Organisationen für Schoa-Überlebende), unterstützen sozial Benachteiligte (z.B. Flüchtlinge und Wohnungslose) sowie Menschen mit psychischen oder physischen Beeinträchtigungen, sie engagieren sich in antirassistischen Initiativen oder Projekten der historisch-politischen Bildung. In den (kurzfristigen freiwilligen) Sommerlagern arbeiten die Teilnehmer in internationalen Gruppen u. a. in sozialen Einrichtungen oder halten jüdische Friedhöfe oder NS-Gedenkstätten in Stand. Gefordert ist eine ausführliche Bewerbung für die langfristigen Dienste, sowie ein Solidaritätsbeitrag von 650 Euro. Für die Sommerlager fällt je nach Teilnehmerland ein gestaffelter Beitrag an.
Online: www.asf-ev.de
Anne Frank Zentrum
Das Zentrum rückt deutschlandweit die Erinnerung an Anne Frank und ihr Tagebuch in den Blickpunkt. Diesen Ansatz vertiefend engagiert es sich außerdem gegen Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung. Ganz auf die Pädagogik zielend werden Schulklassen und Jugendgruppen an Projekttagen und -wochen anhand der Geschichte der Jüdin Frank an die Genese NS-Deutschlands und die Ausformungen des heutigen Antisemitismus heran geführt. Das Zentrum organisiert aber auch Seminare und Weiterbildungen für Lehrkräfte. Nebenbei bemerkt ist der Besuch der Ausstellung in der Rosenthaler Straße 39 in Berlin eine an das Versteck „Hinterhaus“ angelegte ziemlich authentische Erfahrung.
Online: www.annefrank.de/das-tagebuch-der-anne-frank-ausstellungen-und-bildungsarbeit/
Gegen Vergessen – für Demokratie e.V.
Der Verein unterstützt verschiedene Initiativen und Projekte, die sich engagieren - angefangen von historischer Erinnerungsarbeit (des NS und der DDR-Geschichte) in der Gesellschaft bis hin zu konkretem Einsatz für die Demokratie: Schwerpunkte liegen neben der Onlineberatung gegen Rechtsextremismus und der Umsetzung einer praktischen Geschichtsvermittlung in der Einwanderungsgesellschaft auch beispielsweise in der Rehabilitierung der vom NS-System als sogenannte Kriegsverräter hingerichteten Menschen
Online: www.gegen-vergessen.de
EXIT! Deutschland – Ausstiege aus dem Rechtsextremismus
Ein sehr wichtiger Verein und der einzige, der den Aussteigern aus der rechtsextremen Szene hilft, wieder in ein „normales“ Leben finden zu können. Neben beratenden Tätigkeiten für Familienangehörige Betroffener vermittelt der Verein auch Kontakte ehemaliger Rechtsextremisten mit rechtsextrem-orientierten Jugendlichen, um sie zu motivieren, die Szene zu meiden oder zu verlassen, oder hilft bei Generationengesprächen, in denen Erfahrungen aus Diktaturen weitergegeben werden.
Online: www.exit-deutschland.de/
Projekt Zusammenhalt durch Teilhabe
Im Mittelpunkt des Bundesprogramms stehen Menschen, die sich haupt- oder ehrenamtlich in Vereinen, Initiativen oder Gemeindeverwaltungen für eine lebendige Gesellschaft einsetzen. Im Rahmen von drei Förderschwerpunkten werden zahlreiche, in Ostdeutschland ansässige, Projekte finanziell unterstützt. Vielfältig gemischt erstreckt sich die Liste der zu fördernden Projekte über Pfadfindervereine und Jugendfeuerwehren, Wissensschmieden oder Bildungs- und Begegnungszentren, kurz: Einrichtungen, die vor allem mit jungen Menschen zu tun haben und gestaltendes Vorbild sein können.
Online: www.zusammenhalt-durch-teilhabe.de/ZDT/DE/Home/Startseite_node.html
Leider kann hier nur ein Bruchteil dessen aufgeführt werden, was in der zivildemokratischen Landschaft an Engagament existiert, um eine aktive und verantwortungsvolle Bürgergesellschaft zu formen. Bei Interesse gilt aber wie auch sonst immer: eigenverantwortliche Recherche ist klar von Vorteil. Am Ende ist es nämlich nur der Zusammenschluss einzelner zum Handeln motivierter Individuen, der die Gesellschaft trägt und sie verändert - sei es durch Mordaktionen wie die der „Zwickauer Terrorzelle“ oder durch den Willen darauf reagierender entsetzter Bürger, die den radikalen Extremismus entgegen treten.




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