Distelige Angelegenheiten 11
Rubrik: Musik - Kunst - Kultur
Berlin for Sale - unsere Stadt im Ausverkauf!?! - Redakteure des polli-magazins schaffen in offizieller Vetternschaft mit dem Kabarett-Theater Distel ein Abendprogramm. Bittersüße Kostproben lassen sie zuvor jeden Montag in diese Kolumne fließen, damit sie bis zur Premiere 2012 nicht platzen. Heute mit Teil 11, Claudia Gersdorf über neue Mietspiegelgürtelrosen zwischen Berliner Eiszeit, Berlinale-Fieber und saisonal bedingter Coolness.
Montag, der Dreizehnte: Hat sich eigentlich schon mal jemand Gedanken darüber gemacht, wenn der Dreizehnte plötzlich die Woche beginnen lässt statt sie zu beenden? Nein? Ich auch noch nicht. Ich frage mich nur: Wenn alle Neonazis heute in Dresden einer schwarzen Katze mit rassistischen Pöbeleien auf den Schwanz treten, unter einer Leiter hindurchmarschieren und einen Schaufenster-Spiegel in 100 Teile zer-BASEBALL-schlagen, tut sich dann ein riesiges schwarzes Loch auf und verschluckt sie alle? Vielleicht versetzt (Aber)glaube ja auch Neonazis in die Hölle oder zumindest in die österreichischen Alpen, um in einer Schokoladenfabrik Milkatafeln herzustellen. Der Vorteil: Neonazis täten eine gute Tat und wären zugleich die Lösung zur Verhinderung von Kinderarbeit in der Schokoladenbranche.
Doch nun zu weltbewegenden Vorgängen. Berlin. Eine Woche lang stand die Hauptstadt unter Beobachtung. Das Forschungsmittel: Großstädtisches Logbuch zur individuellen Forschungswoche. Die Diagnose: Kälteschock, verstärkt durch manifeste Selbstbeweihräucherung und ignoriertes Haushaltsdefizit. Die Therapierung: Konfrontation im Spree-Spiegel, Konfrontation im Eispfützen-Spiegel, Konfrontation im Glaspalast-Spiegel.
Zur Ausgangslage der Forschungsreihe:
Berlin, Du bist so still: Kälteschock?! Selbst Deine Hipster haben sich unter deinen Dächern verkrochen. Und vom Eise benetzt sind Dachrinnen und S-Bahn-Schienen - allein des Super-Hipsters holder gelaserter Blick kann nicht dienen. Brille? Hipster!
Berlin, Du erstarrst, erfrierst, kannst endlich sparen: Tiefkühlkost auf Deinen Balkonen, ganz ohne Kiezschrank. Und das alles zum Vorteilspremiumpreis, garantiert ökostromlinienförmig! Dein Refinanzierungskonzept für die moderaten 63 Milliarden Euro Miese sei damit re-zementiert. Erscheint selbst mit saisonal bedingter Coolness betrachtet noch immer dino-viel. Doch wenn sogar die Saurier längst gedeutete Spuren hinterließen, bleibt Berlin auch nach dem Tauwetter ganz selbstverständlich mausepetrig arm.
Das Zwischenstadium liefert erste Erkenntnisse:
Spuren hinterlassen auch die güldenen Stunden der Goldenen Kamera, eisgekühlt serviert auf feuerrotem Teppich. Denn wenig später schleichen Menschenmassen so unauffällig wie nur möglich gen Potsdamer Platz, lediglich gewappnet mit Luftmatratze und Schlafsack. Auf dem Weg zur ersten Strandbar bei -15° Celsius, unter verstrahlt sternenfreiem Himmel? - frage ich mich und traue meinen zugefrorenen Augenlidern kaum. Nein, der Stadthase läuft so: Die Berlinale würde jeden Moment ihre goldenen Tore öffnen und klopft prophylaktisch die roten Teppiche aus. Im Fachjargon nennen wir das glaziale Katastrophenprävention. Also, husch husch ins kuschelige Kinonest! Hauptsache die Festivalakkreditierung, Sitzplatzreservierung und Kinogentrifizierung verschneien dir nicht die Stimmung. Kennst du das Land, wo die Kinotickets noch von der Altpapierrolle kommen? Du kennst es nicht? Du könntest es kennenlernen.
Momentaufnahme alias Status quo:
Täglich trompetet nun die Berlinale durch die Straßen der Stadt. Lautstark ruft sie nach Ticketschlangen und der brave Bürger kommt angerannt. Die Jagdsaison im Stadtstaat, der es sich bald nicht mehr leisten kann, selbstbestimmt zu sein, ist eröffnet. Doch solange wir noch nicht zu Brandenburg gehören, müssen wir auch nicht befürchten, taufrisch verführerscheinte 18-Jährige von Bäumen zu kratzen. Es sei denn der nächste Baumspiegel sieht das vor(aus).
Erstes Kurzrésumé aus dem Reagenzglas:
Kann es wahr sein, Berlin, dass eine Automobil-Kaltfront Dich und Euch zum Schweigen bringt? Eiszapfenfest stelle ich hier und jetzt meine These ins Netz: Das Wetter ist nicht käuflich, zumindest nicht außerhalb Berliner Landesgrenzen.
Kennst du das Land Berlin, es könnte glücklich sein, es könnte glücklich sein und glücklich machen. Dort reift die Freiheit nicht, dort wird sie schwarz. Was man auch baut, es werden stets Arenen. Kennst du das Land, wo die Mietspiegelgürtelrosen blühn? Du kennst es nicht? - Du wirst es kennenlernen (in Anlehnung an JWG + Erich Kästner).
Das Projekt:
Sechs Stadtmusikanten zogen aus, das Fürchten zu lehren. Recherchen bis tief in die Nacht und die dunklen Abgründe des Be-Berlin-Molochs, Interviews mit den Rittern und Ritterinnen der Stadt, die sich den Abrissbirnen der Gegenwart mutig entgegen stellen und bleiben, Aktivismus auf allwöchentlichen Demonstrationskreuzzügen durch die Betonwüsten dieser Stadt - all das und noch viel mehr nehmen wir auf unserer Reise ins Kabarett-Nirvana auf uns, um Anfang des apokalyptischen Jahres 2012 zu Euch zu sprechen, zu singen, zu tanzen und zu deuteln. Macht Euch gefasst auf Fässer ohne Boden, bodenlose Frechheiten getunkt in Wahrheitszaubertrunk und Lorelei-Gesänge auf den Fernsehtürmen dieser Stadt. Bleibt wachsam!
Weitere Infos zum Kabarett-Theater Distel gibt es hier.




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