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2012-01-23 - von: Martina Kollroß (Die Montagskolumne) - Ausgabe: 'unzertrennlich'

Distelige Angelegenheiten 10

Rubrik: Musik - Kunst - Kultur

Berlin for Sale - unsere Stadt im Ausverkauf!?! - Redakteure des polli-magazins schaffen in offizieller Vetternschaft mit dem Kabarett-Theater Distel ein Abendprogramm. Bittersüße Kostproben lassen sie zuvor jeden Montag in diese Kolumne fließen, damit sie bis zur Premiere 2012 nicht platzen. Heute mit Teil 10, Martina Kollroß über hipster Blasentee und warum wir vor der Currywurst im Stehen alle gleich sind.

„Popping in your mouth“ wirbt das hüfthohe Schild an der U-Bahn Eberswalderstraße. Ich kaue weiter auf der weichen, toten Masse in meinem Mund herum. Da poppt definitiv nichts mehr. Dankbar blicke ich noch einmal über meine rechte Schulter zu Konnopke’s Imbiss, dem ich die Curry ohne Darm zu verdanken habe. Vor mir tarnt sich das Böse, der Bubble-Tee-Shop, im BVG-Style.

Bubble-Tee mit Darm, damit’s im Mund schön aufpoppt. Mir wird ein wenig übel. Konnopke’s Imbiss, Inhaberin Waltraud Ziervogel, besteht seit 1930. „Bubble Tea wurde in den 1980er Jahren in einem gemütlichen Teehaus in Zentraltaiwan erfunden“, sagt das Internet. Im Frühling 2010 kam es nach Berlin. Ming-Ching Lai aus Taiwan ist Deutschland-Chef beim Weltmarktführer für Blasentee. „Bubble Tea schmeckt nach meiner Heimat“, sagt er im Internet. Die Currywurst ist das Gute: traditionell und demokratisch, weil erschwinglich für alle.

Vor der Currywurst, im Stehen, sind alle gleich. Zumindest in den hundertdreizehn Sekunden, in denen die 400 Kalorien aufgespießt und verschlungen werden. Die gleiche Anzahl an Kalorien schwimmen in 30 bösartigen Kügelchen in einem handelsüblichen Bubble-Tee. Der wird im Werbedeutsch auch „die gesündeste Erfrischung des 21. Jahrhunderts“ genannt und genauso im Stehen verschlungen. „Unser Sirup im Januar: Apfelkuchen, hurra! :)“ (babbelt.de). Die Gentrifizierer-Abwehrfestung von Konnopke’s wurde im vergangenen Jahr neu gebaut und um Verteidigungsanlagen gegen asiatische Eindringlinge erweitert.

Um Berliner Gemütlichkeit zu demonstrieren, kann man sich jetzt auch in einen überdachten Bereich setzen. Am Stand verkaufen die Damen im mittleren Alter Konnopke’s Merchandise: T-Shirt, Bücher über die Wurst. Auf der Internetseite wird dem Mythos gehuldigt. Woher die 1, 70 Euro-Wurst stammt, erfährt man natürlich nicht. Die Tapioka-Perlen im Bubble-Tea werden aus der Maniok-Wurzel hergestellt und haben dadurch einen Anteil an Eisen, Vitamin C und Calcium. Die Basis des Bubble-Getränks ist gesüßter Tee, dazu kommt Sirup. Über Marketingkampagnen und dem Franchise-Prinzip wird der Blasentee zum Hipstergetränk stilisiert. An diesem Mittag stehen die Menschen bei Konnopke’s Schlange. Vor dem Bubble-Tea-Shop steht niemand. Der Vegetarismus, die Klimaerwärmung, die Fleisch-Skandale. Der Trend geht klar vom toten zum popping Snack.

 

Das Projekt: 

Sechs Stadtmusikanten zogen aus, das Fürchten zu lehren. Recherchen bis tief in die Nacht und die dunklen Abgründe des Be-Berlin-Molochs, Interviews mit den Rittern und Ritterinnen der Stadt, die sich den Abrissbirnen der Gegenwart mutig entgegen stellen und bleiben, Aktivismus auf allwöchentlichen Demonstrationskreuzzügen durch die Betonwüsten dieser Stadt - all das und noch viel mehr nehmen wir auf unserer Reise ins Kabarett-Nirvana auf uns, um Anfang des apokalyptischen Jahres 2012 zu Euch zu sprechen, zu singen, zu tanzen und zu deuteln. Macht Euch gefasst auf Fässer ohne Boden, bodenlose Frechheiten getunkt in Wahrheitszaubertrunk und Lorelei-Gesänge auf den Fernsehtürmen dieser Stadt. Bleibt wachsam!

 

Weitere Infos zum Kabarett-Theater Distel gibt es hier.

 


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