Distelige Angelegenheiten 9
Rubrik: Musik - Kunst - Kultur
Berlin for Sale - unsere Stadt im Ausverkauf!?! - Redakteure des polli-magazins schaffen in offizieller Vetternschaft mit dem Kabarett-Theater Distel ein Abendprogramm. Bittersüße Kostproben lassen sie zuvor jeden Montag in diese Kolumne fließen, damit sie bis zur Premiere 2012 nicht platzen. Heute mit Teil 9, mit Bernd Fiedler über berlintorkelnde Philosophen und warum zum Schluss nur der Schmerz authentisch ist.
Da sitzt er nun, der Philosoph. Betrachtet mit vernebelten Sinnen eine Welt, die nicht die seine ist. Seine Situation ist Menetekel einer Stadt, sein Leiden das einer Welt. Nicht er geht unter, auf dem Spiel steht Berlin. Mühsam schleppt er sich in die Ringbahn, zum Nachdenken, wie er sagt. Vorbei läuft er an der jungen Modefotografin, die frierend unter der S-Bahn-Brücke lauert und total authentische Morgenfotos schießt.
Sie ist neu in der Stadt und voll von man-kann-hier-alles-machen-Euphorie. Wenn da nur nicht diese ganzen verlebten Gestalten wären. Der Vintage-look hält Einzug in die Urban Streetwear. Sie wartet auf die bestellten Schaufensterpuppen, als Projektionsfläche, wie sie sagt. Der Philosoph torkelt vorbei, er will sich seine Sachen nicht von der Fotografin abkaufen lassen. Er verachtet sie, diese selbstbezogene, weltfremde Existenz, die in einer Wolke der Zufriedenheit lebt, keinen Blick für die Probleme. „Alles total authentisch“, wie lächerlich. Authentisch ist nur der Schmerz.
Der Philosoph sieht klarer, auch verkatert. Er weiß, was er von dieser Stadt zu halten hat und was sie ihm schuldet. Für ihn allein scheint die Sonne auf der Oberbaumbrücke, er hat große Pläne für Berlin. Sein nächstes Ziel ist aber der in sich geschlossene, Stoff gewordene hermeneutische Zirkel, das Rund der Ringbahn. Er grüßt den freiberuflichen Fahrkartenhändler am Bahnhofseingang, sinniert mit dem Bahn-Bänkelsänger über das Wetter und den Unsinn des Finanzkapitalismus, steigt ein – und da sind sie schon wieder. Touristen, Hipster, Berlinverliebte. Sie versauen ihm die ersten zwei Runden mit der S41 völlig. Wie schön wäre doch Berlin – ohne die ganzen Menschen, die sehen, und nicht verstehen. „Unnützes Pack“, brüllt er noch einer befremdeten Businesslady hinterher, die in Tempelhof zur U-Bahn stürmt. Klick, macht die Fotografin. Mit den Puppen wirkt Berlin viel authentischer.
Das Projekt:
Sechs Stadtmusikanten zogen aus, das Fürchten zu lehren. Recherchen bis tief in die Nacht und die dunklen Abgründe des Be-Berlin-Molochs, Interviews mit den Rittern und Ritterinnen der Stadt, die sich den Abrissbirnen der Gegenwart mutig entgegen stellen und bleiben, Aktivismus auf allwöchentlichen Demonstrationskreuzzügen durch die Betonwüsten dieser Stadt - all das und noch viel mehr nehmen wir auf unserer Reise ins Kabarett-Nirvana auf uns, um Anfang des apokalyptischen Jahres 2012 zu Euch zu sprechen, zu singen, zu tanzen und zu deuteln. Macht Euch gefasst auf Fässer ohne Boden, bodenlose Frechheiten getunkt in Wahrheitszaubertrunk und Lorelei-Gesänge auf den Fernsehtürmen dieser Stadt. Bleibt wachsam!
Weitere Infos zum Kabarett-Theater Distel gibt es hier.




Kommentar schreiben: