Blick von oben
Rubrik: Schule & Arbeitsmarkt
Berlins Bildungssenator Dr. E. Jürgen Zöllner hat in Berlin viel bewegt. Eine ehrlichere Reflexion über seine Arbeit wäre im polli-magazin wünschenswert gewesen. polli-magazin ist ein Raum für Kontroversen, das heißt aber nicht, dass mit größtmöglicher Ignoranz Öffentlichkeitsarbeit betrieben werden soll. An dieser Stelle schreibt polli-Redakteur Bernd Fiedler (21) eine kleine Kritik der Zahlen. Und eine Würdigung der Person.
Lieber Herr Zöllner,
Sie sind ein Unikum der Berliner Politik, nicht nur, weil Sie als Pfeifenraucher einer aussterbenden Spezies angehören. Als Senator für einen der wichtigsten und schwierigsten Bereiche der Landespolitik waren Sie umstritten und werden lange in Erinnerung bleiben. Sie wurden 2006 gerufen, um ein großes Ressort zu leiten, Bildung und Wissenschaft. Wie groß, das zeigte sich auch an den Problemen, die dieses Ressort aufwarf.
Nicht alles super an den Unis
Bei den Studierendenprotesten sind Sie leider wenig in Erscheinung getreten und haben ihre Verantwortung nicht wahrgenommen, gelernt haben Sie aus der Wortmeldung der Studierenden aus dem Winter 2009/2010 kaum. Sie setzten, so der AStA FU, den neuen Hochschulrahmenvertrag kompromisslos um, der „Zwangsberatung und Zwangsexmatrikulation verschärft, festgeschriebene Wahlfreiheiten im Studium abschafft“ und die ASTA FU fordert: „Zöllner zwangsexmatrikulieren!“. Auch die Präsidenten der Berliner Universitäten kritisieren den Hang zur Überregulierung. Wie sich der neue Rahmenvertrag bewährt, muss sich zeigen. Ebenso, wie die Universitäten die von Ihnen verordneten Studienzahlen verdauen.
Sie schreiben von bald 30.000 Studienanfänger-Plätzen in Berlin. Das ist aber kein Grund zum Jubeln bei fehlenden Lehrkapazitäten. Die Freie Universität, die mit einem Dozenten-Studierenden-verhältnis von 1:70 trauriges Schlusslicht der deutschen Bildungslandschaft ist, versucht sich inzwischen mit Lehrprofessuren auszuhelfen. Diese bieten keinerlei Forschungsanreiz und sind, da arbeitsintensiv und wenig prestigeträchtig, undankbare Posten.
In der Berliner Kapazitätsverordnung für Hochschulen zeigt sich, wo die vielen Neuzulassungen an den Universitäten untergebracht werden sollen. Sie drücken in die Randzeiten: § 15 (2) „Für die Ermittlung des Angebots an Raumstunden ist davon auszugehen, dass die Räume für die Lehrveranstaltungen mit begrenzter Teilnehmerzahl ganztägig und ganzjährig zur Verfügung stehen, falls keine fachspezifischen Gegebenheiten entgegenstehen“.
Nicht nur Tutorien finden inzwischen immer öfter in den Abendstunden statt, das macht konzentriertes Arbeiten in den Veranstaltungen schwieriger. Daran ändern auch die eingeworbenen Drittmittel und Exzellenzinitiativen nichts, denn sie ziehen nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch Wissenschaftler weg von der Lehre.
Viele der von Ihnen genannten Beschäftigten mit Hochschulabschluss, immerhin 14 Prozent aller Beschäftigten in Berlin, sind zugezogen. Es herrscht in Berlin stets eine hohe Fluktuation an Neuberlinern – eine Viertelmillion Berliner werden auf diese Weise jährlich ausgetauscht, vor allem hochqualifizierte. Die Meisten haben das Bildungssystem hierzulande nie durchlaufen. Wie viele inzwischen in ihrer Traumstadt überqualifiziert oder prekär arbeiten, ist mit ihren Zahlen auch nicht gesagt. Zudem ist eine Arbeitslosenquote von 13 Prozent nicht super.
Abitur – aber schnell!
Als Minister in Rheinland-Pfalz konnten sie es dort verhindern, in Berlin aber mussten Sie die Beschlüsse Ihres Amtsvorgängers umsetzen: Das Abitur in 12 Jahren. Trotzdem konnten Sie der Reform ihre Krallen stutzen, indem Sie die Möglichkeit des 13-jährigen Abiturs in der Sekundarschule offenhalten.
Ihr größtes und wichtigstes Projekt war die Abschaffung der Hauptschule, die inzwischen meist nur noch als Problem- oder Resteschule in Erscheinung trat. Mit der Möglichkeit, an der neu gebildeten Sekundarschule das 13-jährige Abitur abzulegen, sind Sie einen pragmatischen Weg gegangen. Dass solch eine Umwälzung recht reibungslos über die Bühne ging, zeigt, wie überfällig sie war. Sie zeugt aber auch von den guten um Ausgleich bemühten Managementfähigkeiten des verantwortlichen Senators. Kritisiert wird nur die Geschwindigkeit, mit der sie vorangetrieben wurde. Ähnliches wurde Ihnen bei der von Ihnen vorangetriebenen Einstein-Stiftung vorgeworfen, bei der im ersten Jahr die Mittel lediglich angehäuft, aber lange nicht an Forschung und Lehre ausgeschüttet wurden. Manchmal waren Sie ein bisschen zu schnell für diese Stadt.
Ich hingegen kenne Sie als Menschen, der sich auch von hitzigen Diskussionen im Plenum nie die gemütliche Pfeifenpause vor dem Abgeordnetenhaus hat nehmen lassen. Sie haben Berlin sehr gefordert in Ihrer Zeit. Aber Berlin selbst war auch für Sie nicht immer einfach. Bei der Integration ist das Berliner Schulsystem bundesweit Schlusslicht, auch bricht jeder zehnte eines Jahrgangs die Schule ohne Abschluss ab.
In der Stadt werden viele Lehrer ausgebildet, eine große Zahl tritt ihren Dienst aber nicht in Berlin an. Obwohl Sie das Einstiegsgehalt für Lehrer deutlich angehoben haben, lockt der Beamtenstatus immer noch viele Kräfte aus der Stadt. Mit Geld aber können Sie nicht dienen. Ihr Nachfolger wird von Ihnen viele Neuerungen sowie alte Probleme übernehmen.
Klaus Böger, Ihr Amtsvorgänger, hat sich mit dem „Böger-Tag“, durch den alle Berliner Schulen stets einen Tag früher in die Sommerferien starten, unsterblich gemacht. Ob Ihr Name in einigen Jahren noch ebenso in aller Munde ist, ist nicht abzusehen. Was sie aber angestoßen haben, wird die Stadt noch auf lange Zeit hin prägen und wandeln. Überall in der Berliner Bildungslandschaft haben Sie ihre Spuren hinterlassen – und kleine Krümel von Pfeifentabak. Leben Sie wohl.
Hochachtungsvoll,
Bernd Fiedler




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