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Berliner Jugendforum - Polli Magazin
2010-11-22 - von: Charlotte Felbinger - Ausgabe: Sonderausgabe 10. Berliner jugendFORUM

Dauerbaustelle Schule

Rubrik: Schule & Arbeitsmarkt

Verkürzen, vereinen, teilen, integrieren. Kurz, die Schule reformieren. Aber wie? Und was ist eigentlich die Intention unserer Bildungspolitiker und vor allem: Was kommt dabei heraus? Darüber wird auf dem 10. Berliner jugendFORUM in der Diskussionsrunde „Experiment Berliner Schulreform {}Ja {}Nein {}Revolution“ diskutiert.

Foto: © Olli Bery

Von Charlotte Felbinger (16 Jahre, Schülerin an einem Gymnasium)

Chancengleichheit und Eliminierung sozialer Unterschiede, das erhoffen sich die Politiker von der neuen Sekundarschule. Weg mit den „Restschulen“ und auf zur Förderung von Schülern aus bildungsfernen Familien und solchen mit Migrationshintergrund. Viele Schüler und Studenten in der Diskussionsrunde stehen dem auf dem jugendFORUM in der Diskussionsrunde „Experiment Berliner Schulreform {}Ja {}Nein {}Revolution" allerdings skeptisch gegenüber. Aus ihrer Sicht wird ein Produkt nicht dadurch besser, wenn man einfach ein anderes Etikett drüber klebt. Vielen stellt sich heute vielmehr die Frage, ob das zweigliedrige Schulsystem wirklich sinnvoll die Diskrepanz zwischen „Elite“ und „Bildungsproletariat“ verringern kann.

Zahlreiche Jugendliche, Interessierte, Studenten und Politiker sind gekommen. Neben Dirk Jordan (Sprecher der grünen Landesarbeitsgemeinschaft Bildung)
sind auch Sascha Steuer (CDU), Mieke Senftleben (FDP), Steffen Zillich (Die Linke), Dr. Felicitas Tesch (SPD) und sogar Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner, Berlins „Bildungssenator“ (SPD), vor Ort. Eine Frage steht gleich zu Beginn an im Raum: Wie soll eine Schule funktionieren, in der eine so große Bandbreite an Schülern mit unterschiedlichen Leistungen aufeinandertrifft? Der Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner hat darauf prompt eine klare Antwort: Das Konzept der Ganztagsschule, das an nahezu allen Sekundarschulen geplant ist, soll zur „individuellen Förderung der Schüler“ beitragen. Außerdem sollen die Schüler durch Kooperationen mit Betrieben früh Praxiserfahrung sammeln und sich auf das Berufsleben vorbereiten. Ziel der neuen Schulen sei auch, dass die Leistungsschwächeren von der Durchmischung profitieren, nach dem Motto „die Starken ziehen die Schwachen“.

Veränderung von unten

Wie es aber an den Gymnasien aussieht, an denen ein Großteil der an der Diskussion Teilnehmenden lernt, konnte Senator Zöllner kaum glaubwürdig erklären. Auch hier bestimmen Lehrermangel und in Folge dessen hohe Klassenfrequenzen den Schulalltag. Den wenigen Lehrern fehle es häufig an Kompetenz, mit den auch dort vorhandenen, unterschiedlichen Leistungsniveaus und der gleichzeitigen Stofffülle umzugehen, argumentieren die Jugendlichen. Mit Beispielen von überfüllten Leistungskursen oder demotivierten Pädagogen machten die Schüler den Politikern ihre Lage überdeutlich. Hier appellierte der Grünen-Abgeordnete Jordan jedoch an das Engagement der Schulen: Diese, und insbesondere die Schulleitung, müssten mehr Eigeninitiative ergreifen. So könnten auch die Schüler beispielsweise durch Rückmeldung zur qualitativen Verbesserung des Unterrichts beitragen. Die Evaluation von Pädagogen via Internet sei auch nicht ganz neu und werde auch jetzt schon vielfach genutzt.

Häufig prallt die Kritik an diesem Tage jedoch auf taube Ohren. Hier wünschen sich die Schüler mehr Unterstützung seitens der Politik, auch was die Weiterqualifizierung für Lehrer angeht. Fortbildungen müssten sowohl von der Schule selbst, als auch vom Staat stärker gefördert werden. Denn die finanziellen Mittel, und da sind sich die Politiker einig, sind ausreichend vorhanden. Das Land Berlin hat bundesweit die höchsten Bildungsausgaben. Die Frage ist jedoch, wie sinnvoll diese eingesetzt werden. Und damit die Schulen etwas bewegen können, benötigen sie mehr Selbstbestimmung bei der Unterrichtsgestaltung. Das fordert Mieke Senftleben von der FDP. Ein erster Schritt dorthin ist ihrer Meinung nach die freie Gestaltung des Unterrichtsablaufs in den Ganztagsschulen und das gerade beschlossene Ende der JüL-Pflicht für alle Grundschulen.

Kürzer, schneller, besser?

Als weitere bildungspolitische Baustelle wurde die Verkürzung der gymnasialen Oberstufe diskutiert. Ein Thema, von dem viele der Diskutierenden unmittelbar betroffen sind: Das Abitur nach zwölf Jahren ist in anderen Bundesländern bereits üblich und wurde nun auch in Berlin eingeführt (das so genannte G8). Ein Schritt, bei dem so einiges versäumt wurde wie die Überarbeitung und Anpassung des Rahmenlehrplans. Hier aber sind sich die Abgeordneten uneinig: Die Verantwortung hierfür wird teilweise den Entscheidungen, oder besser den Nichtentscheidungen der Kultusministerkonferenz (KMK) zugeschrieben. Unter anderem bei finanzwirksamen Beschlüssen kann die KMK nur einstimmig entscheiden. Während Sascha Steuer, bildungspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion des Berliner Abgeordnetenhauses, die Reform in dieser Runde als „über’s Knie gebrochen“ bezeichnet, sieht Felicitas Tesch von der SPD die Planung als ausreichend an. Die Reaktion der Schüler folgt prompt: Zu viel Stoff in zu wenig Zeit, starke Einschränkungen in der Freizeitgestaltung und damit auch in den Möglichkeiten des sozialen Engagements, das geht nicht.

„Integration“ ist ein Wort, was an diesem Tag häufig fällt. Die Jugendlichen wünschen sich Integration nicht nur von Migranten, sondern auch von Hörgeschädigten, die ebenfalls in der Runde vertreten sind. Nach dem Muster von bilingualen Europaschulen könnte die deutsche Gebärdensprache an Berliner Gymnasien für gehörlose und gesunde Kinder gemeinsam unterrichtet werden. Die anwesenden Politiker räumten viele Unzulänglichkeiten im Berliner Bildungssystem ein. Diese hätten jedoch nicht grundsätzlich mit der Reform zu tun. Und ob diese ihr Ziel erreiche, so Zöllner, sei abzuwarten. Zum Schluss wurden zwar nicht alle Fragen zufriedenstellend beantwortet. In lockerer Atmosphäre wurde jedoch vieles erarbeitet, was künftig getan werden könnte, um die Qualität des Unterrichts für alle zu verbessern. Immerhin.


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