Ich sehe was, was Du jetzt bist
Rubrik: Mensch und Gesellschaft
Noch in diesem Jahr sollen die Berliner Polizisten ihren Namen oder ihre achtstellige Dienstnummer an der Brust tragen. Aus anonymen Beamten werden ansprechbare Staatsdiener, deren Handlungen sich plötzlich personalisieren lassen. Wie verändert sich dadurch das Ansehen eines Polizisten?
Von Bernd Fiedler (20 Jahre, studiert an der FU-Berlin und ist Redakteur des polli-magazins)
Du stehst da und fühlst dich verloren. Umgeben von vermummten Gestalten im dunklen Gewand hat der Berliner auf Demonstrationen vieles zu fürchten, voran eines: die Anonymität.
Nein, es geht nicht um namenlose, verirrte Wurfgeschosse, die manche Demonstration zu einer Nervenprobe werden lassen. Nein, es geht auch keineswegs um autonome Demonstranten, die Parolen rufen und die Staatsgewalt beschimpfen. Es geht um die Beschimpften, die doppelt geschützten Beamten, gehüllt in Riot-Anzüge und Anonymität. Sie treten ein, um Ordnung zu gewährleisten, um einzugreifen, wenn eine Demonstration aus den Fugen gerät. Sie begeben sich in Gefahr, verletzt zu werden, auf der Straße wie im Leben. Was, wenn ein fanatischer Polizistenhasser die Adresse eines Polizisten ausfindig macht, mit dem er sich auf der letzten Demonstration geprügelt hat oder ihn beim Einkaufen erkennt und ausrastet?
Jeder Polizist soll künftig seinen Namen oder die Dienstnummer auf der Brust tragen
Berlin zieht nach: Als eines der letzten Bundesländer stellt Berlin auf die neuen, blauen Uniformen bei der Polizei um. Vorreiter will Berlin aber auch sein, denn jeder Polizist soll seinen Namen oder die Dienstnummer auf der Brust tragen. In Deutschland gilt das als revolutionär, in Europa ist diese Idee nichts Neues.
Schlägt ein Polizist künftig quer oder steht im Verdacht, sich falsch verhalten zu haben, wäre es so leichter, ihn später zu identifizieren. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hatte bereits Anfang des Jahres angekündigt, die geplanten Namens- oder Nummernschilder für Polizisten abzulehnen, es gebe schließlich unter den Polizisten erhebliche „Unruhe und Besorgnis“. Verwunderlich ist das nicht.
Stellvertreter für Staat, Ruhe und Ordnung
Es sind die netten Polizisten, die von der Gewerkschaft der Polizei in Schutz genommen werden: Polizisten, die auch mal durchgreifen, aber im Privatleben in Ruhe gelassen werden wollen. Sie sollten nach Auffassung der Gewerkschaft nicht eindeutig zu identifizieren sein. Sie stehen nicht für sich, sondern stellvertretend für den Staat, stehen ein für Ruhe und Ordnung.
Im Moment sind Polizisten noch mit Nummern auf Helmen und Rücken gekennzeichnet, die ihre Zuordnung zu bestimmten Einheiten ermöglichen. Manche Einheiten werden von Kennern als besonders sensibel, manche als besonders energisch erkannt. „Die da drüben schlagen lieber einmal mehr zu“, klingt es mir noch von meiner ersten Demonstration im Ohr. Es blieb friedlich. Leider ist das nicht immer der Fall.
Was heißt das? Kommt es dazu, dass ein Demonstrant von einem Polizisten verletzt wird, egal ob im Eifer oder aus Vorsatz, muss der Täter ausfindig gemacht werden können. Nicht immer ist nämlich auf Videoaufnahmen zu erkennen, welcher Beamte in welcher Form beteiligt war. Die Einheit selbst zu fragen, wäre dann äußerst müßig – niemand verrät gerne Kollegen. Ist die Identität nicht geklärt, ist eine Anklage zwecklos. Erfolgt sie trotz aller Schikanen, kommt es zumeist zu Geld- und Bewährungsstrafen. Zu milde, urteilen Betroffene und deren Angehörige.
Schwarze Schafe bei den Männern in Grün und Blau
Gerade darum werden Forderungen nach einer Kennzeichnungspflicht immer lauter. Mancher kommt ungestraft davon und so kommt es vor, dass Polizisten mit Handschuhen erwischt werden, in denen Quarz eingenäht ist, die ein beherztes Zuschlagen erleichtern, im Dienst aber verboten sind. Es kommt auch vor, dass nervöse oder aggressive Polizisten falsch und überreagieren. Mancher schlägt einmal unbegründet, mancher aus Vorsatz. Es gibt auch schwarze Schafe bei den Männern in Grün und Blau.
Diese sind es, die von ihrer Anonymität profitieren. Die Anonymität gibt dem Polizisten ein Gefühl von Sicherheit, eine Kennzeichnung lehnen die Personalräte gerade darum ab. Die Anonymität kann ein Schutz vor Strafverfolgung sein: Sie ängstigt die einen und provoziert die anderen. Wer sich rein als Vertreter der Staatsgewalt sieht und seiner Uniform kein Gesicht geben möchte, der versteckt sich hinter seiner Marke.
Diese schützt aber nicht Leib und Leben. Wer sich preisgibt und etwas offen zeigt, der schafft sich sogar zusätzlichen Schutz. Ist ein Name deutlich lesbar, personalisiert es; es schafft Bezugspersonen, es schafft Transparenz, bildet Menschsein und Identitäten ab. Eine Maske zählt schließlich weniger als das Gesicht, ein Begegnen auf Augenhöhe schützt vor Tiefschlägen. Vermummte zu schlagen ist moralisch einfacher als Frau Müller aus Berlin zu verdreschen - auch wenn sie sich am Ende doch noch hinter einer Nummer versteckt.




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